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Spediteure Gewinner der Globalisierung

gehalten von Thomas W. Herwig
anlässlich der Ordentlichen Mitgliederversammlung
am 22. April 2008 im World Trade Center
 
 
 
Sehr verehrte Damen,
sehr geehrter Herr Senator Nagel, 
sehr geehrte Abgeordnete der Bremer Bürgerschaft,
verehrte Gäste, meine Herren,
 
im Namen des gesamten Vorstands des Verein Bremer Spediteure
begrüße ich Sie sehr herzlich zu unserem heutigen Gästeabend.
Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind,
nicht nur um den Vortrag des Herrn Senators zu hören, sondern auch,
um mit uns die besten Absolventen des Jahrgangs 2007/2008 zu ehren.
 
Herr Senator Nagel, ich freue mich ganz besonders, dass Sie spontan bereit waren, unsere Einladung anzunehmen und heute als Gastredner zu uns zu sprechen.
 
Erlauben Sie mir vorher einige generelle Anmerkungen zur Situation der Spediteure.

Ich möchte nicht speziell über die Lage der Spedition in Bremen sprechen,
oder über die Sorgen, die uns einige Entwicklungen in Deutschland machen.
Das hat unser Geschäftsführer bereits während unserer Mitgliederversammlung getan.
 
Ich möchte den Bogen etwas größer spannen
und über die globale Situation der Spediteure sprechen.
Ich sage ganz bewusst „der Spediteure“, nicht „der Logistiker“.
 
Eine Studie der MergeGlobal, die im März im „American Shipper Magazine“ veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit den Marktbedingungen und den Erfolgsaussichten der Spediteure. Das Ergebnis der Studie ist deswegen so interessant, weil es vieles widerlegt, was uns Spediteuren in den vergangenen 10 Jahren prognostiziert wurde. Die Studie besagt, daß die Spediteure die größten Gewinner der Globalisierung sind, ihre Zukunftschancen werden weitaus positiver beurteilt, als die der Carrier.
 
 
Im Segment „Fracht-, Verkehr- und Logistik-Industrie“
erwirtschaften Spediteure die höchsten Eigenkapitalrenditen.
 
Der sogenannte „return on capital employed“ liegt bei:
 
  • Frachtfluggesellschaften zwischen 0 und 22 Prozent
  • Containerreedereien zwischen 5 und 29 Prozent
  • Kontrakt-Logistikern zwischen 23 und 31 Prozent
  • Spediteuren zwischen 53 und 64 Prozent!
Der Anteil der Spediteure am interkontinentalen Frachtaufkommen ist in den vergangenen 10 Jahren deutlich gestiegen. Der Luftfrachtmarkt hatte in 1997 ein Volumen von 21 Mrd. Dollar – Davon wurden 76 % von Spediteuren kontrolliert. Bis 2007 hatte sich das Luftfrachtvolumen auf 44 Mrd. Dollar mehr als verdoppelt - der Spediteuranteil ist von 76% auf 84 % gestiegen.
In diesen Zahlen ist das Express- und Kuriergeschäft nicht enthalten.
Die These, dass die „Integrators“ die Luftfrachtspediteure aus dem Markt drücken, lässt sich also nicht aufrecht erhalten. Vielmehr haben die Expressdienste und Integrators ein neues Geschäftsfeld entwickelt, das es früher in dieser Form nicht gab.
 
In der Seefracht ergibt sich ein ähnliches Bild.
Der FCL-Container Markt ist im genannten 10-jahres Zeitraum von 70 Mrd. US-Dollar auf 187 Mrd. gestiegen. Das entspricht einer Steigerung von 165 Prozent. Der Anteil der Spediteure daran stieg von 28 auf 34 %.
Beim LCL Geschäft ist die Position der Spedition noch stärker.
74% der LCL-Frachten in Höhe von 19 Mrd. US-Dollar kontrollieren Spediteure, vor zehn Jahren lag der Anteil noch bei 62%.
 
Die Gründe für diese positive Entwicklung sind vielfältig.
  • Spediteure benötigen für ihre Dienstleistung intellektuelles Kapital statt Anlagevermögen – das erklärt die hohe Kapitalrendite
  • Spediteure haben ein dichtes Filialnetz und kontrollieren den Endkunden
  • Spediteure bieten, anders als Carrier, nicht nur einen Transportweg an, sondern sie nutzen alle intermodalen Möglichkeiten innerhalb der Transportkette
  • Spediteure haben ein gutes Kostenbewußtsein und können aufgrund geringerer Komplexität Kosten genauer kontrollieren und zuordnen
  • Der Spediteur kann seinem Kunden bessere und vollständigere Daten liefern, weil er über alle Transportdaten verfügt, während ein Carrier nur die Daten der von ihm transportierten Ladung kennt.
Reeder und Fluggesellschaften sind zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen.
Sie ziehen sich immer mehr aus dem direkten Vertrieb zurück und verkaufen große Teile ihrer Kapazität an Spediteure.
Unser Gastredner im vergangenen Jahr, Herr Adolf Adrion von Hapag-Loyd,
hat diesen Trend bestätigt.
 
Die Studie von MergeGlobal kommt auch zu dem Ergebnis, dass Spediteure als Arbeitgeber immer interessanter werden und auf dem Gebiet der Personalrekrutierung sogar mehrere Vorteile gegenüber anderen Marktteilnehmern haben.
 
Sie sind einerseits aufgrund ihrer Internationalität sehr attraktiv,
andererseits können sie aufgrund geringer Komplexität und starken Wachstums schneller befördern.
Hingegen sind die Aufstiegschancen bei Carriern häufig begrenzt,
weil durch Umstrukturierungen oder Personalabbau nach Fusionen und
Zukäufen viele Management-Stellen entfallen.    
 
Spediteure, sagt die Studie, können bei steigenden Gewinnen gute Gehälter zahlen.
In der Branche sind viele Geschäftsführer und Niederlassungsleiter
am Gewinn beteiligt oder erhalten, bei börsennotierten Unternehmen, Aktienoptionen.
Bei Carriern sind Bonusregelungen seltener und weniger attraktiv.
Aktienoptionen sind dort wegen der hohen Volatilität weniger wertvoll.
 
 
Wir alle erinnern uns noch an Zeiten,
in denen die Speditionsgehälter am unteren Ende der Skala lagen
und wir uns ärgerten, dass Industrie, Reeder und Versicherungen
uns die Angestellten regelrecht weggekauft haben.
 
Spediteure haben, wie die Studie zeigt, im Transportmarkt weitere Wettbewerbsvorteile.
 
Sie kaufen meistens fertige Branchensoftware,
während große, anlagenintensive Carrier häufig eigene Systeme entwickeln.
Diese sind nicht nur teurer, sondern führen auch zu komplexeren Strukturen.
Spediteure dagegen erhalten sich Schnelligkeit und Flexibilität,
um sich neuen Marktbedingungen kurzfristig anzupassen.
 
All diese Erkenntnisse führen dazu,
dass die Zahl der Übernahmen und Fusionen weiter steigt.
Der Spediteur ist zum Objekt der Begierde geworden.
Während die Käufer früher häufig Großspediteure
sowie Post- und Bahngesellschaften waren,
treten inzwischen auch Finanzinvestoren als Käufer auf:
 
·        2006 hat 3i ABX von der belgischen Bahn gekauft
·        Im Mai 2007 kaufte Apollo Management (Ceva Logistics) den Spediteur EGL
 
Die hohen Eigenkapitalrenditen verbunden mit guten Zukunftsaussichten
hatten immer höhere Kaufpreise zur Folge.
Das Auftreten der Finanzinvestoren am Markt wird dazu führen,
dass diese sich auch für kleine und mittelgroße Firmen interessieren,
die sie dann strategisch auf schnelleres Wachstum ausrichten,
um sie anschließend wieder zu verkaufen.
 
Das ist aus Sicht eines deutschen Unternehmers,
häufig aber auch aus Sicht der Angestellten, bedauerlich,
aber es ist eine Entwicklung, die wir nicht aufhalten können.
 
 
 
Gibt es ein Rezept, sich dem Druck zum Verkauf oder zur Fusion zu entziehen?
Die Antwort darauf muß jeder Unternehmer selbst finden.
Es schadet sicher nicht, sein Unternehmen so zu führen,
als sei es am Kapitalmarkt und als müsse man Fragen von Analysten beantworten.
 
Eine klare Strategie, Wachstums- und Ergebnisziele, Transparenz beim Zahlenwerk,
ordentliche Bilanzrelationen, ausreichende Eigenkapitalausstattung
und geringe Verschuldung sind nur einige Stichworte.
Die Vorteile, die Familienunternehmen noch in die Wagschale werfen können, sind starke Mitarbeiter- und Kundenbindung, Langlebigkeit,
Flexibilität und flache Hierarchien.
 
Lassen Sie mich ein letztes Mal auf die MergeGlobal Studie zurückkommen.
Sie untersuchte auch die Frage, ob Logistik-Dienstleister tatsächlich
die gesamte Supply-Chain beherrschen müssen
und wie diversifiziert deren Angebot sein muß.
 
Dabei kommen die Autoren zu dem Schluß, daß die sogenannten „Department Stores“, wie z.B. die Deutsche Post oder UPS, die vom Brief über das Paket und den Vollcontainer bis zum Turn-Key-Projekt alles anbieten, geringere Gewinnspannen erzielen, als Spezialisten.
 
Folgerichtig hieß die erste Frage nach dem Rücktritt von Herrn Zumwinkel
als Vorstandschef der Deutschen Post nicht etwa:
„Wer wird sein Nachfolger?“ -
Nein!  Es wurde gefragt:
„Wird jetzt die Post in ihre verschiedenen Geschäftsbereiche zerlegt?“
 
Die Studie hat auch das Verhalten der Kunden untersucht.
Die erfolgreichen Großkunden treten am Markt quasi als „Generalunternehmer“ auf
und suchen sich für die verschiedenen Glieder der Lieferkette
jeweils die besten Anbieter, mit denen sie dann elektronisch vernetzt sind.
Im Ergebnis erzielen sie so das beste Gleichgewicht aus Preis und Qualität.
 
 
Halten wir als Fazit der Studie folgendes fest:
 
·        der interkontinentale Frachtenmarkt steigt rasant
·        der Anteil der Spediteure daran wächst
·        Spediteure erzielen höhere Kapitalrenditen als Carrier
·        Finanzinvestoren haben die Branche entdeckt
·        Spezialisten sind erfolgreicher als „Department Stores“
·        Die Konzentration im Gewerbe schreitet fort
·        Spediteure sind attraktive Arbeitgeber -
und für Deutschland füge ich hinzu: Ausbilder!
 
Was haben nun die Ergebnisse der MergeGlobal Studie mit uns in Bremen zu tun?
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang an den 3. Bremer Logistiktag erinnern,
 
Dort hieß eine Kernaussage:
·        Dynamische Märkte verlangen nach flexiblen Logistikstrukturen
 
Die Studie beweißt, dass keine andere Branche im Transport- und Logistiksektor anpassungsfähiger und flexibler ist, als die Spedition. Sie zeigt auch auf,
welches enorme Wachstumspotenzial in der interkontinentalen Logistik steckt.
Dieses Potenzial müssen wir in Bremen,
einem bedeutenden Hafenstandort und Logistikzentrum, für uns nutzen.
 
Dabei sind wir darauf angewiesen,
dass unser Senat die richtigen Rahmenbedingungen setzt.
Vor allem, dass er die hiesigen Unternehmen nicht durch wettbewerbsverzerrende Maßnahmen benachteiligt oder behindert.
Gemeinsam mit unseren Politikern müssen wir den Bürgern in Bremen und in Deutschland eines klar machen: Gütertransport dient den Menschen.
Jährlich werden in Deutschland Pro Kopf 57 Tonnen Materialien transportiert –
Jedes einzelne Kilogramm davon dient den Menschen.
Denn verkauft wird nur das, was Kunden kaufen wollen. Oder umgekehrt:
Was Kunden nicht kaufen wollen, wird nicht produziert und logischerweise
auch nicht transportiert.
 
Die Menschen können aber ihre Milch, ihre Zeitung, ihr Tierfutter oder ihre Kleidung
nicht kaufen, wenn sie nicht transportiert werden.
 
Ein Blick in die Welt zeigt uns, dass es überall dort, wo es eine gute Infrastruktur mit intelligenten Verkehrssystemen gibt, den Menschen überdurchschnittlich gut geht.
Hunger gibt es vor allem in den Gegenden Afrikas, Asiens und Südamerikas,
wo die Güter- und Nahrungstransporte nicht funktionieren.
 
Die Lösung unserer Umweltprobleme heißt nicht: Verhinderung von Verkehr!
Oder noch schlimmer: Umleitung und damit Vermehrung des Verkehrs durch Einrichtung unnötiger Umweltzonen.
Wollen wir aus „schnell“ etwa „langsam“ machen?
Soll im nächsten Schritt den Bürgern vorgeschrieben werden,
welche Produkte sie kaufen dürfen oder mit welchem Verkehrsmittel sie reisen dürfen?
 
Die Lösung heißt:
·        Effizientere Energieausnutzung
·        bessere Nutzung vorhandener Verkehrsnetze durch intelligentere Verkehrs-Leitsysteme
·        Verminderung der Schadstoffemissionen.
 
Wir Bremer Spediteure bekennen uns ausdrücklich zum Umwel- und Klimaschautz.

Wir setzen dabei auf technischen Fortschritt und Innovation,
nicht auf Verkehrsbehinderung und unsinnigen Rückbau von Infrastruktur.
 
Meine große Sorge ist, dass wir den Schwung der dynamischen Märkte um uns herum,
der auch die Wirtschaft und Logistik in Bremen beflügeln könnte, nicht nutzen können, weil wir durch Überregulierung und verkehrsbehindernde Maßnahmen künstliche Barrieren aufbauen, die den Wettbewerb mit unseren europäischen Nachbarn erschweren oder behindern.
 
Lassen Sie mich zusammenfassen:  
 
  1. Die Spedition ist stärker als je zuvor
  2. Die Spedition ist ein attraktiver Arbeitgeber und bietet ungewöhnliche Aufstiegschancen
  3. Die Spediteure bekennen sich zu Umwelt- und Klimaschutz
  4. Weltweites Wachstum beflügelt auch die Logistik in Bremen, sofern wir die sich bietenden Chancen vernünftig nutzen. 
 
Vielen Dank, für Ihre Aufmerksamkeit.

 

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